Mensch, Mama!

Schon allein durch die neue Gesetzgebung kommen gerade in diesem Sommer besonders viele Kinder in eine Kita. Deshalb habe ich gedacht, ich bereite euch, liebe Neu-Kita-Muttis, heute mal darauf vor, wen ihr da so antreffen werdet. Und nein, ich spreche nicht vom kleinen Paul, der immer beißt und auch nicht von der kleinen Sofie, deren Vater gerade ausgezogen ist, nicht von der nervigen Kindergartenleitung, die permanent irgendwelche Wieder-gesund-Bescheinigungen braucht und auch nicht von der tollen Erzieherin, die nur leider immer krank ist. Ich rede von den Mitmüttern und werde sie einfach mal typisieren.

Fangen wir also an mit der

Angst-Anna

Anna hat erst spät – zu spät? … – ihr erstes und einziges Kind bekommen und weiß deshalb ihr Mutterglück besonders zu schätzen. Ihr Kind ist das Beste, was ihr passieren konnte und auch das Beste aller Kinder dieser Welt. Es ist ein Engel, würde niemals ein anderes Kind ärgern oder gar ihre Mutter anlügen. Anna’s Kind ist etwas ganz Besonderes und muss deshalb natürlich auch ganz besonders gut umsorgt werden, denn Gefahren lauern ja quasi überall. Anna passt deshalb gut auf, dass ihr Kind lieber nicht auf dem Klettergerüst spielt und drängt sich auch noch beim sechsten Geburtstag als Hilfe auf, damit sie ihr Kind auch stets im Blick haben kann.

Netzwerk-Nina

Nina ist sehr kommunikativ, allerdings auch etwas nervig, weil sie stets ungefragt allerhand Tipps zu Themen wie Ernährung, Erziehung, Gesundheitsfragen parat hat. Selbstverständlich ist Nina aber auch sehr gut vernetzt und weiß über alles und jeden Bescheid. Sie sollte man nicht unbedingt zur Freundin, auf keinen Fall aber zur Feindin haben. Und eins muss man ihr lassen: ihre Tipps haben irgendwie immer Hand und Fuß, und ihr Klatsch und Tratsch ist aktuell.

Luxus-Lola

Lola braucht man gar nicht zu beachten, denn sie sieht man eh nie. Sie wird vertreten von ihrer Nanny, denn Lola ist reich und Lola ist vor allem wichtig. Da hat man nun wirklich keine Zeit, seine Kinder in den Kindergarten zu bringen oder mit ihnen auf den Spielplatz zu gehen. Lola geht auch nicht gern zum Elternabend. Wenn sie ein schlechtes Gewissen bekommt, spendet sie einfach etwas für das neue Kräuterbeet und ihre Welt ist wieder in Ordnung. Wenn sich Lola’s Kind mit Anna’s Kind verabreden möchte, sollte das Treffen bei Anna stattfinden. Dort können die Kinder unter Anna’s Aufsicht in Ruhe spielen, während Lola bei der Maniküre ist. Wenn Anna’s Kind alletrdings zu Lola’s Kind möchte, sollte sich Anna darauf einstellen, dass sie in der Küche sitzt und warten muss, bis das Spiel vorbei ist. Lola wird auch dann bei der Maniküre sein, und die Nanny und Haushälterin haben auch keine Lust, Anna zu bespaßen – und finden es auch etwas lächerlich, dass Anna darauf besteht, bei ihrem Kind zu bleiben.

Mehrfach-Mutter-Mia

Mia ist ein alter Hase im Muttergeschäft. Ihre Großen sind längst in der Schule. Deshalb muss Mia viel organisieren. Klavierunterricht, Fußball, Ballett … Mia verabredet ihr Kind gern. Und es darf auch schon im fortgeschrittenen Alter von zwei Jahren gemeinsam mit einer Mutter, die Mia vor 2 Tagen in der Garderobe das erste Mal gesehen hat, zu einem Kind nach Hause gehen, von dem Mia nicht den Nachnamen und maximal die Adresse kennt.

Stunk-Steffi

Steffi hat meistens schlechte Laune. Sie kennt weder andere Mütter, noch Kinder oder Erzieherinnen mit Namen. Aber eins weiß sie genau: Die haben alle keine Ahnung. Steffi hat es wahrscheinlich nicht leicht. Oder vielleicht macht s sie sich auch nicht leicht. So oder so, man sollte sie am besten in Ruhe lassen. Denn auf Dauer ist ihre Nörgelei und schlechte Laune nicht zu ertragen.

Alleinerziehend-Alex

Alex’ Kind und Mia’s Kind sollten sich bestenfalls nicht besonders gut verstehen. Denn auch Alex hat keine Zeit. Sie muss arbeiten und sich mit dem Vater ihres Kindes herumstreiten, da bleibt zueggeben nicht viel Zeit über. Deshalb ist Alex‘ Kind auch am längsten im Kindergarten, wenn es nicht gerade einer anderen Mutter mitgenommen wird. Alex versucht sich gern mit Müttern wie Anna oder Nina anzufreunden, weil sie weiß, dass sie ihr eine Hilfe sein können. Auch Stunk-Steffi findet sie gar nicht so schlecht, weil sie zu ihr auch einfach mal sagen kann, wie scheiße alles ist, ohne dass sie gleich pikiert angesehen wird und einen Vortrag gehalten bekommt, welch großes Glück sie doch hat, Mutter sein zu dürfen.

Gesundheits-Gisela

Gisela war eigentlich mal ganz nett und entspannt. Doch dann bekam sie ein Kind und ihr Leben einen ganz neuen Sinn. Deshalb hat Gisela angefangen, sich mit vielen Dingen und vor allem mit Ernährung auseinanderzusetzen. Giselas Kind isst selbstverständlich glutenfrei, trinkt von Anfang an nur Sojamilch (leider weiß Gisela nicht, dass Haferdrink sehr viel bekömmlicher und gerade für Jungs sehr viel besser ist). Sie guckt der Kita-Küche auf die Finger und bittet alle 2-3 Tage die Kita-Leitung um ein Gespräch. Zucker gibt es natürlich für Giselas Kind nicht. Und bei Festen und Ausflügen bekommt Giselas Kind sein staubtrockenes Extra-Essen mit. Gut ist, dass Gisela irgendwann feststellt, dass es nicht nur ihr Kind in ihrem Leben gibt und sich spätestens zur Einschulung dann wieder entspannt – zur Freude des Kindes und ihrer Mitmenschen.

Pädagogen-Petra

Petra hat keine pädagogische Ausbildung, aber eine genaue Vorstellung, was für Kleinkinder gut und wichtig für die Entwicklung ist. Deshalb erwartet sie auch, dass selbstverständlich in der Kita Musik, Wissenschaft und Sprachen gefördert werden. Für ihr – nach Selbstdiagnose hochbegabtes – Kind hatte sie sich eigentlich einen Platz im fünfsprachigen Kindergarten gewünscht, doch leider kann sich Petra einen Privatkindergarten nicht leisten. Umso mehr ist sie nun entschlossen, dass auch „ihr“ Kindergarten sich gleichwertig aufstellen sollte. Und zur Not überlegt sie immer noch, ihren eigenen Kindergarten zu gründen.

In der Kita-Garderobe ist also so einiges los. Das Schöne ist aber, dass Annalisa von Angst-Anna, Steffen von Stunk-Steffi, Pelle von Pädagogen-Petra und all die anderen, ganz normalen Kinder ganz hervorragend zusammen spielen, schlafen und essen – und von all dem, was sich in den Köpfen der Mütter so abspielt, absolut nichts mitbekommen …

Bildquelle: citymum