#blackouttuesday – was funktionierte und was nicht

Plötzlich waren die sozialen Medien schwarz. Als Reaktion auf die Unruhen in den USA nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd im Zuge eines Polizeieinsatzes posteten viele Stars und Sternchen gestern ein schwarzes Bild. Ruhe auf Social Media, die Raum zum Nachdenken über Rassismus anregen sollte.

Der Mord an George Floyd hat eine immer größer werdende Protestwelle gegen Rassismus und Polizeigewalt gegen dunkelhäutige Menschen in den USA ausgelöst. Amerika brennt. Und eine längst überfällige gesellschaftliche Diskussion wurde losgetreten. Eine Diskussion, die auf den Straßen und in den sozialen Medien stattfindet. Die Informationsquellen: ein Mitschnitt aus einem real stattfindenden Mord, aus dem Zusammenhang gerissene Videoausschnitte von Trump sowie Statements, Grafiken und Beiträge von A- bis E-Promis, die sicher ihr Herz am rechten Fleck haben, aber ihren Vorbild-Auftrag nicht über einen Hashtag hinaus ansehen.

#TheShowMustBePaused – unter diesem Hashtag entstand die eigentliche Idee für die gestrige Internet-Demonstration gegen anhaltenden Rassismus und Ungleichheit. Diese Woche – die Woche nach dem Mord an George Floyd – sollte keine normale Arbeitswoche sein. Stars und Unternehmen sollten ihre Internetaktivitäten ruhen lassen, um anderen Menschen Raum zu schenken – Menschen, die gegen bestehenden Rassismus kämpfen, die aufmerksam machen auf die alltägliche Gewalt gegen People of Colour und die sich nachhaltig gegen Ungleichheit in der Welt engagieren. Ein Zeichen des Respekts. Ein Zeichen der Solidarität. Und auch ein Aufruf an alle, sich zu beteiligen und ihren Zusammenhalt zu demonstrieren.

Wofür sollte Platz geschaffen werden? Für Chancengleichheit, für Gleichberechtigung, für Zusammenhalt, aber auch für Spendenaufrufe und vor allem Aufmerksamkeit, auch zum Beispiel für den Official George Floyd Memorial Fund , der eingerichtet wurde, um Floyds Familie zu helfen oder für den  Reclaim The Block, der sich dafür einsetzt, Geld von der Polizeibehörde in andere Bereiche des städtischen Haushalts zu verlagern oder an die globale Organisation Black Lives Matter, die sich nachhaltig gegen Gewalt gegen People of color einsetzt und immer wieder aufmerksam macht auf rassistische Taten und Tötungen durch Polizeigewalt.

„Ah, #blacklivesmatter, das kennen wir“, wird so manch einer sagen, denn spätestens gestern haben wir den Hashtag unter zahlreichen schwarzen Bildern auf instagram und Co gesehen. Super, oder? – Die Wahrheit ist: Nein, eigentlich nicht. Denn dadurch dass all die vielen Menschen mit dem Herzen am rechten Fleck gestern ihre schwarzen Solidaritäts-Bilder mit diesem Hashtag versehen haben, haben sie das Gegenteil der eigentlich geplanten Aktion gewählt: unter dem Hashtag blacklivesmatter sind nur noch schwarze Bilder zu sehen, nichts aber von dem, was die Organisation inhaltlich zu verbreiten hat.

Ist das nicht egal? Denn Hauptsache viele schwarze Bilder, viele blacklivesmatter- Hashtags als Aufruhe, Unruhe, Wachschütteln, Solidaritätsbekundung? Denn das hat doch funktioniert. Wirklich niemand ist gestern am #blackouttuesday vorbeigekommen, oder?

Ich würde sagen: Ja und nein. Denn das, was alle Menschen dieser Welt aufwühlen sollte, ist nicht der Mord allein an George Floyd. Es ist die Tatsache, dass es Tag für Tag geschieht. In diesem Fall wurde es gefilmt. Es wurde gesehen. Davor, währenddessen und danach sind bereits unzählige andere rassistische Taten passiert – kleine und große – denen keine Beachtung geschenkt wird.

Wenn dieser internationale Aufschrei nach dem Tod von George Floyd ein „jetzt reicht’s!“ bedeutet, dann ist er genau richtig. Wenn er aber – wie so vieles – nur ein medienwirksamer Moment ist, den wir nutzen, um ein gutes Gefühl zu haben, etwas „getan“ zu haben, an einer Bewegung teilgenommen zu haben, dann ist es nicht gut. Denn auf diese Weise, indem wir massenweise schwarze Bilder posten und diese mit kontraproduktiven Hashtags verbinden, nehmen wir Menschen den Raum, die etwas zu sagen haben.

Und das ist für mich der springende Punkt: „muted. but listening. but learning.“ Mitmachen und laut sein ist toll. Noch wichtiger ist aber: Innehalten, zuhören, nachdenken, verstehen – und sich selbst hinterfragen, wie rassistisch ich mich eigentlich in meinem eigenen Alltag verhalte. Wie rassistisch ist mein Denken? Und was – und das ist das wichtigste – tue ich persönlich eigentlich gegen Rassismus?

Sprecht Ihr mit Euren Kindern darüber? Was sagt Ihr ihnen, wenn sie „oh lala, Corooona“ singen, wenn sie an asiatisch aussehenden Menschen vorbeigehen – einfach weil es ein Witz unter Kindern ist, den all ihre Freunde machen? Fragt Ihr sie, wie sie darauf kommen, dass ein dunkelhäutiger Mensch ein „Afrikaner“ ist? Warum kein Deutscher, kein Franzose oder einfach nur ein Mensch? Oder die „Kopftuchfrau“ – was ist an ihr anders? Ist sie durch ihr Kopftuch ein anderer Mensch, der dementsprechend auch anders bewertet wird? Warum? Warum sind sie überhaupt die „Kopftuchfrau“ und der „Afrikaner“ und nicht der Mann mit dem roten Pullover oder die Frau, die sich gerade mit ihrem Kind unterhält? Und auch wenn es offensichtliche Unterschiede gibt (Haut- und Haarfarben, religiöse Kleidung …): Dass etwas „anderes“ auffällt ist so, aber muss man den Menschen durch sein eigenes Verhalten darauf hinweisen, dass er „anders“ ist? Ist das nicht der erste Schritt der Ausgrenzung und einer Bewertung – und genau die, die wir als Anti-Rassisten eben nicht vornehmen wollen? Dass wir optische Unterschiede wahrnehmen, können wir nicht steuern. Aber wir können dafür sorgen, dass optische Unterschiede keine spürbaren Unterschiede werden. Jeden Tag.