Anonyme Rabenmütter

525x300_Lilli01Wenn erstmalig schwangere Frauen ahnen würden, welch Informationsflut nach ihrem „coming out“ auf sie ungefragt einströmt, würde sich die ein oder andere sicher überlegen, all zu früh ihre Schwangerschaft kundzutun. Denn ab diesem Zeitpunkt fühlt sich Gott (zu recht) und die Welt (zu unrecht) für das Wohl von Mutter und Kind verantwortlich – und zwar lautstark (also, Gott mal außen vor, der hält sich eigentlich netterweise zurück).

Die Nachbarin schwört auf die Hausgeburt und prenatale musikalische Früherziehung. Die beste Freundin erzählt von Dammrissen, Inkontinenz und geplantem Kaiserschnitt. Die Fachlektüre der Frauenärztin berichtet von Aids, allen schlimmen Krankheiten dieser Welt sowie sämtlichen Fehl- und Missbildungen, die es jemals schon gegeben hat. Die Mutter sagt, man solle sich mal entspannen, schließlich sei man nicht die erste, die ein Kind bekäme. Und die zukünftige Patentante empfiehlt, das alles nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Himmel!

Aber seien wir ehrlich, wenn das Kind erstmal da ist, wird es noch schlimmer. Selbst fremde Menschen sprechen einen dann im Park und auf der Straße an, um ihren erzieherischen Rat zu verkünden. Wir versuchen’s freundlich. Wir versuchen’s diplomatisch. Wir versuchen’s zickig. Wir versuchen’s resolut. Es bringt alles nichts. Die gut gemeinten Ratschläge prasseln nur so auf uns ein. Und das, was uns wirklich interessiert und wir ernsthaft wissen möchten – das erzählt natürlich niemand. Und wenn doch, dann mit Sicherheit nicht ehrlich. Aber wer hat denn Lust, jemanden um Hilfe zu bitten, der uns mit seiner ungefragten „Überhilfe“ eh schon nervt? Ich jedenfalls nicht. Nach ca. sieben Jahren im Schwangerschafts-Mutter-Geschäft habe ich deshalb vier Menschen auserwählt, die ich gern um Rat frage. Und für alles, was die auch nicht wissen, gibt es das Bauchgefühl, Fachbücher und –Magazine und seit neuestem ein tolles Online-Forum namens liliput-lounge, sozusagen die Selbsthilfegruppe der anonymen Mütter.

Das Angebot ist riesig: Vom Geburtsterminrechner über Ernährungstipps, Ratgeber zum Thema Schlaf und Erziehung, Familienpolitik, Kinderkrankheiten, Wiedereinstieg in den Job, zu kurz kommende Partnerschaft, Regenbogenfamilien – hier findet die genießende „anonyme Mutter“ wirklich zu jedem Thema etwas. Und wenn sie mal wieder an sich und ihren Erziehungsfähigkeiten zweifeln sollte, schmökert sie ein wenig unter „Rabeneltern“ und weiß: sie ist nicht allein.

Hallo, mein Name ist Andje – und ich bin eine Rabenmutter.

Bildquelle: shutterstock, liliput-lounge.de