Wir bekommen ein Baby!

weißer Welpe

… nein, nicht, wie Ihr denkt. Unsere Familienplanung ist schon seit einigen Jahren abgeschlossen. Wir bekommen einen Welpen, ein Hundebaby.

Aber warum? – fragte mich eine Freundin. Ein Kind-Ersatz könnte es ja nicht sein, schließlich habe ich ja schon zwei. Langeweile? – dafür habe ich nun wirklich keine Zeit. Also doch das Verlangen nach etwas Kleinem, weil die Kinder schon groß sind? – ein bisschen ist es das sicher schon. Schließlich hörte ich mich einmal selbst zu meinem Mann sagen: „Ich möchte ganz dringend einen Welpen haben.“ Das war vor 7 Jahren. Und vor mir standen meine Zwillinge mit Schultüten im Arm. Insofern wäre das rigorose Abstreiten des „Welpen als Babyersatz“ nicht ganz wasserfest. (Wortwörtlich sogar, denn es könnte sein, dass ich in diesem Moment ein ganz kleines bisschen feuchte Augen gehabt habe …)

In diesen 7 Jahren ist nun aber viel passiert. Statt Hund hatten die Kinder Meerschweinchen. Inzwischen gehen sie aufs Gymnasium und organisieren Sport und Verabredungen weitestgehend selbst. Ich arbeite wieder mehr, treffe mich öfter mit Freundinnen, mache mehr Sport (ok, nicht wirklich, aber ich könnte es …), gehe mit meinem Mann aus … Ich bin wieder freier und flexibler geworden, nahezu spontan.

Warum will ich das also aufgeben?

Denn seien wir ehrlich: ein Hund macht mein Leben nicht leichter. Es ist wie mit einem Baby, nur dass man eben kein Baby hat, keinen Mutterschutz, keine Elternzeit … keine staatlichen Betreuungsmöglichkeiten, wenig Restaurants und Urlaubsanbieter, die sich über einen Hund ebenso freuen wie über ein Kind.

Ich will ihn trotzdem. Genau wie meine Familie. Denn: ein Hund tut gut. Durch ihn werde ich mehr Zeit draußen und in Bewegung verbringen – wetterunabhängig. Durch ihn lernen die Kinder Verantwortung zu übernehmen. Und: sein Hundewesen wird sich auf unsere Familienstimmung auswirken, da bin ich mir sicher. Nicht umsonst gibt es in modernen Schulen immer häufiger Klassenhunde, die allein durch ihre Anwesenheit die Kinder ruhiger und entspannter am Unterricht teilnehmen lassen.

Meine Kinder sind nun Teenager. Die Hormone drehen zwar (noch) nicht völlig durch, aber ihr Einfluss ist spürbar. Sie haben eine 34- Stundenwoche in der Schule – und dabei sind Hausaufgaben und Lernen noch nicht mit eingerechnet. Manchmal wird mein Sohn wütend, völlig aus dem Nichts. Manchmal fängt meine Tochter an zu weinen, einfach so. Manchmal werde ich fuchsteufelswild, weil meine Kinder doof sind oder mein Mann – in Wirklichkeit aber vielleicht auch, weil ich ein bisschen zu viel zu tun habe. Wir alle.

Ich fühle mich oft gehetzt und unverstanden. Mein Mann und meine Kinder auch. Wir streiten, wir reden, wir vertragen uns. Manchmal geht das ganz leicht, manchmal ist es harte Arbeit. Aber immer fehlt eigentlich der harmonische Ausgleich. Jemand, der einfach nur da ist und uns liebt. Jemand, der ganz klare Bedürfnisse hat, die nicht schwer zu verstehen sind. Jemand, für den wir da sein können.

Klar, natürlich tun wir genau das in unserer Familie. Wir lieben uns. Bedingungslos. Wir sind füreinander da. Das nicht immer bedingungslos. Wir haben alle unsere Bedürfnisse, die sind aber nicht immer jedem klar. Denn in unserem Alltag, in dem die Kinder schon fast Vollzeit „arbeiten“, in dem neben dem Job auch der Haushalt und sämtliche Freizeitaktivitäten von vier Personen unter einen Hut gebracht werden müssen, da ist nicht immer Zeit dafür, sich zu verstehen – und es ist auch nicht immer gewollt, denn so funktioniert Pubertät. Und ein bisschen funktioniert so auch eine Ehe. (Wie war das noch mal mit der Venus und dem Mars?)

Stress an allen Ecken – und jetzt noch ein Hund?

Hetzerei, keine Zeit und irgendwie auch genug mit uns selbst zu tun. Trotzdem: die Kinder sehnen sich nach jemandem, mit dem sie nicht reden müssen, der sie aber trotzdem „versteht“. Ich sehne mich nach Harmonie, Natürlichkeit und Entschleunigung. Mein Mann ist beruflich bedingt wesentlich mehr mit sich, als mit den Kindern und mir zusammen. Das fühlt sich manchmal nach „wir gegen ihn“ und umgekehrt an. Auch dafür suchen wir nach einem Bindeglied: der Integrationshund.

Entschleunigung und Integration – vielleicht ein bisschen viel Verantwortung für so eine kleine Hundeseele? Ich glaube nicht. Denn seit Urzeiten hat der Mensch mit dem Hund einen Partner fürs Leben gefunden. Und für diesen einen kleinen Hund werden wir der Partner seines Lebens sein. Wir werden dafür sorgen, dass seine Bedürfnisse gesehen und gestillt werden, werden von ihm lernen und an seiner Erziehung wachsen, wir werden ihn lieben und für ihn da sein – wie für ein weiteres Kind, nur eben anders.

… und ganz nebenbei, bekommen die Kinder einen wertungsfreien Zuhörer ihrer Probleme oder auch für das Üben ihrer Referate. Sie übernehmen Verantwortung und kommen oft raus an die frische Luft. Sie können ihn so ordentlich abknuddeln, wenn wir Eltern gerade mal peinlich oder doof sind. Sein Wohlergehen vereint uns. Unser Hund wird in weniger entspannten Tagen zum echten Familienkitt.

Und wenn ich jetzt noch mal auf die Frage antworten sollte:

„Aber warum?“ – weil ein Hund glücklich macht.