Ganz ehrlich? – Früher war auch mehr Lametta

Schriftzug Stress

Früher war nicht nur mehr Lametta, früher war auch sowieso noch alles anders. Es gab Regeln wie „Papa ist der Schlauste“ und „Mama ist die Schönste“. Heute muss Papa nicht nur schlau, sondern auch noch Hippster sein, seinen Bart pflegen, Fixie und Skateboard fahren und enge Jeans mit den gerade angesagten Sneakers tragen.

Bei Mama reicht es nicht mehr, generell schön zu sein, sie muss bitte auch schon direkt nach der Geburt so aussehen, als sei sie einem Magazin entsprungen, trotzdem aber natürlich eine liebevolle Mutter, 1a Hausfrau, pädagogisch-wertvolle Erzieherin und nicht zu vergessen auch relativ schnell wieder erfolgreich in ihrem Job sein – ohne dabei zu versäumen, Elternvertreterin in Kindergarten und Schule zu werden.

Kind zu sein, war früher auch einfach. Man war es einfach. Heute kann Kind alles sein, was es will/ bzw. was seine Eltern wollen, das es ist – oder noch mehr auf den Punkt gebracht: das, was seine Eltern als Kind selbst sein und können wollten, das sollte es eigentlich, bitte sehr, schon sein, wenn s möglich ist. Wenn das Kind Glück hat, muss es nur die Selbstverwirklichung eines einzigen Teils des Elternpaares übernehmen und nicht Fußballer und Primaballerina zugleich werden.

Väter sind heute nicht mehr nur Väter, sondern coole Dads, Teilzeit-Daddys, Patchwork-Papas, engagierter Väter, Workalholics oder schlicht ein Arschloch.

Mütter sind heute Deine Mudda, Mombies, Milfs, Working Mums, Heli-Muttis, Löwen-Mamas oder die zickige Alte, die alles besser weiß.

Mutti

Und das alles ist nur das, was andere von ihnen erwarten. Ihr eigener Anspruch kommt noch dazu:

Mütter müssen spätestens im Krippenalter neben Haushalt, Kind und Job auch noch Homöopathin, nette Nachbarin, perfekte Gastgeberin und Super-Bäckerin sein.

Väter sollten sich definitiv Elternzeit nehmen, in dieser die ganze Familie im Wohnmobil an der Ostküste Amerikas herumchauffieren, sie sollten informiert, gebildet und tolle Entertainer sein – und sich zusammen mit ihren Frauen in Kindergarten und Schule engagieren, bei den Elternabenden mit Anwesenheit glänzen und definitiv alles besser wissen, als die Lehrer es in ihren Ausbildungen gelernt haben.

Zum Geburtstag gibt es nicht mehr einen Kuchen, sondern eine dreistöckige Einhorn-Torte – mit Gold und Glitzer verziert und kunstvoll gezwirbelten Fondant– der in der Größe eher an eine Hochzeitstorte erinnert.

Dazu kommen 30 Dinkel-Muffins für die Kindergartengruppe. Für das Kinderturnen 20 Geburtstagstüten mit Bio-Gummibärchen und Honig-Lollis. Und für den Kindergeburtstag selbst dan selbstbedruckte Taschen mit Radiergummi, Glitzerstift und Luftballon als Give-away  …

Die Kinder haben Flöten- und Gitarrenunterricht, gehen zum Ballett und Fußball und dann aber natürlich auch noch auf den Spielplatz, um sich an der frischen Luft mit anderen Kindern und zum Mütter-Socializing zu treffen.

Mit dem Smartphone wird kommuniziert und gearbeitet – ganz entspannt nebenbei auf dem Weg zum Päkip.

Gäste sind immer willkommen und werden bewirtet mit perfekt gegrilltem Steak, gesundem Salat und Wein – dem guten.

Das Leben heute ist perfekt. Und so wird der Ruf nach „einfach mal durchatmen“ immer lauter.

Ihn hören auch Autoren und Verlage. Und so stapeln sich die Ratgeber und Achtsamkeitstrainings-Bücher auf den Tischen der Buchhandlungen. Denn wie Alexandra Reinwarth in ihrem gleichnamigen Bestseller schon sagte: „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg“. Denn: warum nicht einfach locker machen?

Wer sagt denn, dass wir Superman, Mega-Mom oder Giga-Kid sein müssen? Warum sind wir nicht einfach nur wir?

 

Mama und Mädchen

 

 

Nach dieser Erkenntnis kommt meist eine Zeit auf Schleichwegen. Papa erlaubt sich einen kleinen Bauch und trägt nun weitere (Cargo-)Hosen. Mama kauft den Kuchen für das Sommerfest im Supermarkt, pimpt ihn mit Zuckerguss und Smarties zu Hause nur noch auf, damit sie ihn als selbst gemacht „verkaufen“ kann. Das Kind wird als krank beim Fußballtraining entschuldigt, um einfach mal zu Hause zu chillen.

Nicht perfekt zu sein, fühlt sich irgendwie sehr ungewohnt an.

Aber irgendwann erzählt der Mann dann seinen Freunden nicht mehr, er hätte Magen-Darm, sondern sagt die Einladung auf ein Bier ab, weil er ehrlich gesagt einfach kaputt ist und lieber auf dem Sofa liegen möchte.

Papa und Sohn

Die Frau erklärt der Schwiegermutter ohne dabei rot zu werden, dass der gelobte Kuchen aus einer Backmischung stammt, weil die eigenen Kuchen ihr nie gelingen und immer staubtrocken oder sogar verbrannt sind.

Das Kind muss keine Kinder mehr zum Geburtstag einladen, die es bisher nur deshalb einladen musste, weil sonst eine andere Mutter eingeschnappt gewesen wäre.

Und auf einmal ist immer noch nicht mehr Lametta – was aus Umweltgründen auch sicher eine gute Entwicklung ist – und Mama ist auch immer noch Mutter, eine Frau und arbeitet, und Papa ist auch immer noch ein Mann und kümmert sich trotz Job auch um das Kind, und das Kind macht immer noch mehr Hobbies, als wir es früher je getan haben, und das Leben ist auch immer noch kein Ponyhof … aber: alle sind sehr viel gelassener und glücklicher, denn sie machen nur noch das, was sie auch wollen und können – und haben eins gelernt: in ein entspanntes Leben geht’ s geradeaus. Wer nicht ehrlich ist – ob zu sich selbst oder gegenüber anderen – macht es sich in einer Gesellschaft, die sich von Haus aus schon stetig in Schnelligkeit und Leistungsanspruch überschlägt, einfach unnötig schwer.

Familie

Amen.