Sind Lernentwicklungsgespräche sinnvoll?

LEG Vereinbarung

Lernentwicklungsgespräche werden halbjährlich mit den Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern geführt. Fragen wie: Wie hat sich der Schüler entwickelt, sind die Leistungen ausreichend, was kann das Kind ändern und welche Ziele hat es für das nächste Schulhalbjahr, stehen im Mittelpunkt. Wenn man von einem Mittelpunkt sprechen kann, denn das Gespräch dauert lediglich 10 – 20 Minuten. Damals, in der Grundschule, wurden wir als Eltern dazu angehalten, diese Zeit gänzlich dem Kind zu überlassen. Bitte keine Zwischenfragen, denn es geht ja um den Nachwuchs. Am Ende der LEGs werden individuelle Lern- und Fördervereinbarungen getroffen – und auch von allen – Kind, Eltern und Lehrer, unterschrieben.

Auch Lu hatte ihr Lernentwicklungsgespräch letzte Woche, gleich im Anschluss an die Zeugnisübergabe. Und da ist für mich der Fehler im System. Warum braucht Lu denn bitte ein LEG über ihre Schwächen und Stärken, wenn sie das bereits ihrem Zeugnis schwarz auf weiß entnehmen kann? Motiviert es sie mehr, wenn sie noch einmal aufschreibt, dass sie sich in Geschichte und Bio mehr melden will? Eine absurde Idee.

Lernentwicklungsgespräch

Lernentwicklungsgespräche sollen Schüler weiterbringen

In der Grundschulzeit druckste Lu kleinlaut auf dem Stuhl vor dem Lehrerpult und ihren zwei Lehrerinnen rum, die Stimmung und der Druck, der in dem Moment auf dem Kind lastete, war sichtbar und vergleichbar mit einer Gerichtsverhandlung. Hände unter den Beinen, hin und her wackelnd, wurde Lu von Tante Lehrerin aufgefordert, zu erzählen, wo ihre Schwächen lagen und was sie ab dem nächsten Halbjahr verändern wollte. Da Lu auf eine Privatschule ging, die auf die individuelle Förderung und eigenes Zeitmanagement Wert legte, schob die Lehrerin gleich hinterher: „Ist ja eigentlich alles super bei dir, oder?“ Lu nickte und meinte nur, es solle alles so bleiben, wie es ist. Schön. Das hatten wir dann auch schriftlich.

Verbindliche Ziel- und Leistungsvereinbarungen

Auf dem Gymnasium sieht das Gespräch schon gleich ganz anders aus. Natürlich kennt der Schüler hier ganz genau seine Schwächen, sie wurden ihm ja gerade mit seinem Zeugnis überreicht. Eine vier minus in Geschichte. „Mein Ziel ist es, mich mündlich mehr zu beteiligen“, würde der Schüler sagen. „Und woran liegt es, dass du dich nicht häufiger gemeldet hast“? „Ich war mir mit meinen Antworten unsicher“, wird der Schüler antworten. „Und was kann dir passieren, wenn du eine falsche Antwort gibst?“, würde der Lehrer wissen wollen. „Ich stehe dann blöd da und das ist mir peinlich.“ Der Schüler wird natürlich nicht erwähnen, dass der Lehrer totlangweilig ist, die ganze Zeit nur Monologe hält, man gar keine Möglichkeit hat sich am Unterricht zu beteiligen und wenn doch, zwischenzeitlich vor Langeweile eingeschlafen ist.

LEGs sollen die Schüler für ihre Eigenverantwortung sensibilisieren

Letztendlich sitzen die Schüler vor den Lehrern wie bei Gericht. „Was kann ich gut“ wird meistens nicht gestellt, „was kann ich verbessern und wie kann ich dieses Ziel erreichen“ sind die Hauptfragen. Auf Lus Schule wird nicht nur die schriftliche Vereinbarung unterschrieben mitgegeben, jedes Kind bekommt seine Ziele laminiert auf den Tisch geklebt – also täglich sichtbar. Auf dem Elternabend konnten wir somit auch die Ziele der anderen Kinder lesen. Eine Einser-Schülerin schrieb, sie möchte alle Einsen behalten. Der Mutter war das peinlich.

Warum gibt es nicht ein Lehrerbewertungstag?

Was können die Fachlehrer verbessern, was sind ihre Schwächen, ihre Stärken?
Die Kinder sind in ihrer Aussage ganz klar. Der Mathelehrer ist eine Pfeife, die Englischlehrerin ist streng aber gut, der Französischlehrer ist lustig aber im Vergleich mit dem Vertretungslehrer, der einem die Grammatik viel besser erklären konnte, dann doch nicht so gut, der Sportlehrer der Netteste überhaupt, bevorzugt aber die Jungs. In Lus Schule gab es bisher nur eine Lehrerin, die die Frage direkt an die Kinder gestellt hat: was mögt ihr an meiner Arbeit, was nicht und was kann ich verbessern.

In Bayern gibt es seit 2 Jahren ein Pilotprojekt, in dem die Schüler ihre Referendare bewerten dürfen. Es werden aber keine Noten an die zukünftigen Lehrer vergeben, sondern nur Fragen erörtert wie: „Hat der Lehrer den Unterrichtsstoff so erklärt, dass ich alles verstanden habe.“
Leider werden die älteren Lehrer in diesem Projekt noch nicht erfasst. Aber immerhin, ein Anfang. Das Projekt ist Ende letzten Jahres ausgelaufen. Warten wir mal gespannt auf die Ergebnisse und auch, ob das Projekt in Hamburg Schule machen wird. Wir bleiben dran.