… oder nichts im Leben ist umsonst.

Mia ist auf einer neuen Schule. Sie hat nicht, wie andere bereits zur 5. auf das Gymnasium gewechselt, sondern erst zur 6. Klasse. Dieser überraschende Sprung brachte vieles Gute, aber auch vieles Unvorhersehbares mit. Die größte Hürde war, den Lernstoff der 5. Klasse aufzuholen. Sie sitzt nicht nur jeden Nachmittag anderthalb Stunden an den Hausaufgaben, nein, wir gleichen auch noch Defizite in Englisch und Mathe aus, die noch aus der vorherigen Schule stammen. WIR, weil ich mich angeboten habe, sie in den ersten Monaten zu begleiten und das ist neben Job, Blog und Haushalt grade ein echter Spagat. Zudem muss dazu die Stimmung ja auch stimmen, denn nichts ist schwerer, als bei einer vorpubertierenden Tochter ruhig zu bleiben und dazu noch selbst den Lernstoff drauf zuhaben.

Der gemeinnützige Verein LVB Lernen e.V

Kein Wunder, dass ich da aufhorchte, als über das Gymnasium ein Vortrag angekündigt wurde: „Lernen lernen“. Ein sehr kurzweiliger, engagierter Vortrag eines Referenten, der, wie er sagte, bereits Großvater sei und nun noch mal „ehrenamtlich“ den Berliner Verein LVB Lernen e.V. unterstütz. Eine Spendenkiste für „danach“ stand hinter ihm bereit.

Werbung an Schulen

Ich fühlte mich gut aufgehoben, habe den einen oder anderen guten Tipp zum Lernen bekommen. Man sollte strukturiert arbeiten, Belohnungstools wie Computer und Fernsehen direkt nach dem Lernen für 20 min meiden, Spickzettel schreiben und gern auch mal das ein oder andere Lernvideo ansehen. Diese gäbe es zuhauf bei Youtube – nur leider würde da ja immer Werbung gezeigt werden. Etwas gewundert hat mich die wirklich optisch perfekt und professionell umgesetzte Powerpoint Präsentation. Und so richtig stutzig wurde ich, als der Referent in die Runde fragte, ob er uns noch weitere Online-Lernplattformen vorstellen solle, .. diejenigen, die Geld kosten. Er müsste uns das fragen, denn er will ja keine „Werbung“ machen. Da keiner was dagegen hatte – so ziemlich alle waren ja aufgeschlossen, propagierte er drei verschiede Online-Lernprogramme, wobei er aber zwei davon ziemlich schnell abtat. Mit der Online-Lernplattform „Sofatutor“ hielt er sich dann etwas länger auf. Er zeigte sogar einen extrem lustigen und lehrreichen Film über unregelmäßige Verben.

Welcher Lerntyp 

Allmählich kam der nette Lerncoach dann auf einen weiteren Programmpunkt. Welcher Lerntyp ist Dein Kind. Der Berliner Verein LVB Lernen e.V unterscheidet zwischen vier Lerntypen.

Der logisch-abstrakte Lerntyp lernt strukturiert und logisch, hat eine schnelle Auffassungsgabe und ist sehr ehrgeizig. Er steht für Frontalunterricht, hasst hingegen Rollenspiele und Gruppenarbeit. Lässt sich durch Bemerkungen wie „Das hast du aber gar nicht gut gemacht!“ motivieren.

Der sicherheitsliebende Lerntyp arbeitet besonders ordentlich mit klaren Strukturen. Ist eher still und introvertiert, meldet sich im Unterricht erst dann, wenn er sich wirklich sicher ist. Braucht Routine. Schulwechsel und Stundenplanänderung sind eher Herausforderungen für ihn, Auswendiglernen jedoch eines seiner einfachsten Übungen.

Der emotionale Lerntyp – auch Bewegungslerner genannt, lernt eher langsam. Die Bemerkungen „Das hast du aber gar nicht gut gemacht!“ stellt für ihn eine emotionale Katastrophe dar und neigt daher zu Selbstvorwürfen. Stärken sollte man ihn mit Lob, Geduld, Geduld und noch mal Geduld und ganz viel Einfühlungsvermögen. Er selbst ist dafür sehr empathisch und sozial.

Der kreativ-chaotische Lerntyp ist der kreativste von allen jedoch frei von jeglicher Struktur. Er gehört auch zum „Last-minute-Lerner“ und meldet sich ständig im Unterricht, egal, ob er die Antwort parat hat oder auch nicht.

Natürlich, so sagte uns der Referent auch, gibt es keine 100%-Lerntypen. Alle Menschen sind Mischformen aus den einzelnen vier Typen. Tja und nun weiß ich zwar, dass Mia 40 % emotional, 40 % kreativ-chaotisch sowie 20% sicherheitsliebend ist … aber das ahnte ich bereits vorher. Und was ich damit nun anfangen soll, weiß ich leider auch nicht.

Online Lernplattformen und ihre Tricks

Als ich meinem Mann von dem lustigen, hilfreichen Abend erzählte, war ihm das natürlich sofort klar: Warum sollte in der heutigen Zeit irgendetwas umsonst sein? Wie sich nun herausstellte wurden noch ein paar mehr Menschen hellhörig. Die Autorin Nina Magoley vom WDR hat herausgefunden, dass sämtliche Vorstandsmitglieder (…) von LVB Lernen (…) führende Mitarbeiter bei Sofatutor sind. Das Perfide: die Einladung kam über die Schule, bzw. über den Elternrat. Dem vertraute ich und durch Beschreibungen typischer häuslicher Krisensituationen und Aussagen wie: „Lernen ohne Streit“ und „die richtigen Techniken und Lernmethoden für mein Kind habe ich mein Bauchgefühl am Schultor abgegeben. Ich war offen für eine Werbeveranstaltung … sogar so offen, dass ich heute Morgen fast ein Abo bei „Sofatutor“ abgeschlossen habe. Denn ich bin eigentlich Fan von praktischen und visuellen Lösungen. Jetzt fühle ich mich einfach nur verarscht.

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