Um ein altes Haus zu sanieren, braucht man Bilder. Bilder von dem, wie es einmal aussehen soll. Manchmal ist das gar nicht so einfach. Und manchmal hat man ein klares Bild einer gemeinsamen Vision. Und am Ende stellt sich heraus, der andere hatte ein ganz anderes Bild.

Mein Mann und ich wissen, dass wir oft denken, das Gleiche zu meinen, aber in Wirklichkeit ganz Unterschiedliches im Kopf haben. Dieses Wissen ist sehr nützlich, wenn man ein Haus saniert. Denn wir wissen, wenn wir von Anthrazit oder gemusterten Fliesen sprechen, dass wir dem anderen erklären müssen, was „Anthrazit“ und „gemusterte Fliesen“ für uns bedeuten. Darauf gekommen sind wir eines Tages, als wir über ein Zuhause zum Wohlfühlen sprachen und ich sehr überrascht war, dass mein Mann nicht wie ich einen skandinavischen Stil mit Kaminfeuer und Schaffell vor Augen hatte, sondern ein klarliniges Rolf Benz Sofa und Stahlregale.

Nicht drauf gekommen bin ich, dass auch beim Bauleiter und mir unterschiedliche Bilder in den Köpfen wohnen. Und noch einmal andere Bilder bei meinem Mann und dem Trockenbauer. Aber der Reihe nach.

Wir haben unseren Dachboden als vollwertige Etage für Schlafzimmer und Bad geplant. Alles, was da war, wurde herausgerissen. Wir sahen Balken und unbegrenzte Freiheit – und waren uns sicher: das wird der schönste Raum im ganzen Haus.

Mein schönster Raum beinhaltete eine komplett offene Gestaltung, eine Milchglaswand als optische Trennung zum integrierten Bad – Designhotel-Style mal so als Stichwort.

Der schönste Raum meines Mannes beinhaltete so viel offene Freiheit und Licht wie möglich, allerdings mit echten Wänden, einer Decke und Tür fürs Bad.

Der schönste Raum für den Bauleiter bedeutete, unsere Wünsche an den Trockenbauer weiterzugeben.

Und der schönste Raum für den Trockenbauer bedeutete: Dämmen, was die Wolle hergibt. Verkleiden und zutackern, was nur möglich ist und so viele Geraden in die Schrägen ziehen, wie es irgend geht.

Das Ergebnis war ein größer als gedachtes Badezimmer, ein sehr viel kleiner als gedachtes Schlafzimmer, ein Dämmkasten dirket über dem Kopf und ein aus Dämmgründen zugetackertes Dachfenster, von dem wir vorher noch sprachen, wie viel Licht es uns in den schönen Raum bringen würde.

Der Trockenbauer war stolz auf seine Leistung. Der Bauleiter sehr zufrieden mit der sauberen Arbeit. Ich hätte weinen können. Mein Mann wollte jemanden treten.

Es folgten Diskussionen, in denen wieder einmal klar wurde, dass wir nicht die gleiche Sprache sprechen. Ich sprach von einem Gefühl der Enge. Mein Mann sprach von Raum und Weite. Der Bauleiter sprach von toller Arbeit. Und der Trockenbauer sprach von Außenmauern und Dämmung.

Am Ende fanden wir einen Kompromiss. Das Badezimmer wurde verkleinert, so dass wir ein wenig mehr Raumgefühl bekamen. Die Dämmung der Außenmauern und auch das zugetackerte Fenster blieben.

Wir begutachteten nun die beinahe fertig verlegte Elektrik. Dabei fiel uns auf, dass der Schalter für die Außenbeleuchtung der Haustür und dem Weg zum Garten fehlte. „Nee, dafür gibt es keine Schalter.“ war die informative Antwort des Bauleiters. „Warum?“ Das war die gemeinsame (!) Frage von meinem Mann und mir. Der Bauleiter zeigte sich verständnislos: „Wozu wollt ihr das denn haben? Die sind doch mit Bewegungsmelder. Wenn sich was bewegt, geht’s an. Wenn nicht, ist es aus.“ – Hallooo? Hatte ich schon einmal erwähnt wie viele Hasen Eichhörnchen, Igel und andere Tiere hier leben, weshalb ungefähr alle zwei Sekunden das Licht anspringen würde?!?

„Ach, das kann man alles einstellen.“ war die Lösung des Bauleiters. Dies war für uns nicht befriedigend.

„Dann nimmst du dir eine Leiter und machst sie einfach aus, wenn sie zu oft angehen.“ war die zweite Lösung des Bauleiters. Das war für uns nicht nur unbefriedigend, sondern sogar etwas verstörend. Der Bauleiter sah den Ernst da Lage und dass eine Lösung her musste: „Ok, ich überleg‘ mir was.“

Das Ergebnis ist – wie könnte es anders sein – ein Kompromiss: Zum Garten bekommen wir Lampen mit Fernbedienung (hört auf zu lachen!). Für die Haustür bekommen wir einen Schalter. Denn bei dem Bild, mit einer Fernbedienung vor meiner Haustür zu stehen, hätte ich nicht gelacht, sondern geweint.

Für das nächste Haus, das wir ganz sicher NICHT sanieren werden, wüsste ich im Vorfeld, dass „eine logische Anordnung“ von Steckdosen und Schaltungen keine Arbeitsgrundlage ist, die man vereinbaren sollte, wenn man sich nicht zu 100% sicher ist, dass man gleiche Bilder im Kopf hat.

Es gibt aber auch etwas Gutes zu berichten von der Sanierungsfront: Es geht voran. Es sieht tatsächlich so aus, als wären wir im Zeitplan, und das, obwohl wir noch vor drei Monaten im selben Haus auf einem Blümchensofa saßen in kleinen Räumen und zugezogenen Gardinen. Apropos, wisst ihr eigentlich, warum wir unter all den Interessenten diejenigen waren, die das Haus bekommen haben?

Ich war mir so sicher, dass ich es war. Denn ich habe mich von Anfang an sehr, sehr gut mit der Dame, der das Haus gehörte, verstanden. Während mein Mann mit dem Gutachter durchs Haus spazierte, sprachen wir über Musik und Kunst, über das Schulsystem heute, über die Ostsee und das Wendland.. Die Dame arbeitetete sogar früher in dem gleichen Gebäude, in dem ich heute arbeite. Auch die Maklerin war überzeugt, dass diese Gespräche der Grund für die Entscheidung für uns waren und kippte lachend hinten über, als die Dame ihr den wahren Grund nannte: „Der Herr ist so charmant. Ein Bild von einem Mann!“

… ein Bild von einem Mann – tse … Aber Geschmack hat sie ja!

 

Was davor geschah?