Wir haben unseren Wandstummel wieder! Das ist ein beruhigendes Gefühl, muss ich sagen. Um ihn zu begutachten haben der Bauleiter und ich uns morgens vor der Arbeit auf der Baustelle getroffen.

Der Wandstummel sieht gut aus und so, als könnte er das Haus tragen. Das beruhigt mich sehr. Der Bauleiter sieht auch zufrieden aus. Ich denke fast, dass ich die Sorgenfalte, die sich seit Beginn der Haussanierung sehr unschön in meinem Gesicht breit gemacht hat, ruhigen Gewissens wieder abgeben könnte. Da lässt mich ein komisches Geräusch aufblicken: Vor dem Fenster, das zukünftig eine Terrassentür wird, turnt ein Eichhörnchen auf einem der alten Wasserrohre. Es hüpft und springt und bringt mich zum Lachen. Dann schaut es irritiert (wie ich finde) auf etwas unterhalb des Fensters. Fragend schaue ich den Bauleiter fragend: „Liegt da eine elektrische Leitung DURCH unsere Terrassentür?“. Er nickt. Ich hole meine Sorgenfalte wieder aus der Tasche: „Das macht keinen Sinn, oder?“. Er schüttelt den Kopf. Das Eichhörnchen kippt hinten über vom Rohr. Schön, wenn man sich einig ist.

Wir trennen uns an diesem Tag mit dem Plan, dass die Leitung aus der Tür raus kommt, die anderen Leitungen auch dorthin kommen, wo ich sie pink eingezeichnet hatte und nicht 2 Meter daneben, wie es der Elektriker sicherlich hoch motiviert umgesetzt hatte. Außerdem sprechen wir über Kosten und eine Rechnung, die unkommentiert um 30% höher geworden ist, als sie geplant war. „Ja, aber ihr habt ungefähr 260 Meter Rohr im Haus!“ Das kann ja sein und will ich auch nicht bestreiten. Trotzdem finde ich, dass man über ein paar Tausend Euro mehr oder weniger wenigstens mal reden sollte. Es kriselt kurz beim Bauleiter und mir. Dann gibt er mir Recht und dem Klempner die Schuld. Eine gute Lösung.

Das Telefon klingelt. Es ist der Tischler, der uns immer noch nicht gesagt hat, wieviel Mäuse uns die Küche kosten wird. Alles wird teurer. Da ist es kein gutes Gefühl, wenn man noch nicht einmal weiß, was sonst noch auf einen zukommt. Der Tischler meldet sich mit den Worten „Du, es wird doch etwas mehr!“. Ich lache: Noch mehr als das, was er uns noch gar nicht gesagt hat, was es kostet? Es ist das Lachen einer Wahnsinnigen.

Von monetären Mäusen geht es weiter zu echten Mäusen, denn wir haben eine wichtige Entscheidung zu treffen: womit dämmen wir die Wand? Zur Erklärung: in unserer Außenmauer ist ein Luftschlitz. In diesen Luftschlitz wird etwas hineingeblasen, das die Wände so dicht macht, dass wir am Ende nahezu ein Passivhaus haben … oder zumindest nicht die komplette Straße, sondern nur unser Haus heizen. Die Auswahl für das Dämmmaterial ist groß: von Vulkanasche über Plastikkügelchen, Chemieschaum und Zellulose. In Zellulose gehen nur eventuell die Mäuse und fressen uns unsere schöne Wärme weg. Wir haben uns gegen die Mäuse und für Glasscherben entschieden. Ein weiterer Punkt, der erledigt ist.

Ich bin erschöpft vom vielen Entscheiden und der Vorstellung von all dem Geld, das wir zukünftig nicht mehr haben. Inzwischen spreche ich tatsächlich von „Mäusen“. Das hört sich nicht so Existenz gefährdend an wie „Geld“. Aber wenn es so weiter geht, werden wir bald wohl für Kann-aber-muss-nicht-Entscheidungen irgendwann statt Mäusen einen Igel in der Tasche haben… Ich atme kurz einmal durch und setze mich dann ins Auto. Nach nur zwei Metern Fahren, bremse ich und wische mir die Augen: vor mir auf der Straße sitzen zwei Kaninchen. Nicht Hasen, sondern wirklich Kaninchen: ein Widder-Schlappohr und ein Zwergkaninchen. Sie putzen sich gemütlich die Mäulchen – mitten auf der Straße.

Oh man, ich bin echt schon spät dran, aber ich kann die beiden da ja nicht so sitzen lassen. Also steige ich aus und gehe vorsichtig auf sie zu. Ich habe einen Plan, ich werde meine Jacke über sie werfen, denke ich. „Was machen Sie da?“, ruft es in dem Moment von der anderen Straßenseit. „Ich werfe meine Jacke über sie“, erkläre ich mit gedämpfter Stimme meinen Plan, um die Häschen nicht zu vertreiben. „Warum?“, fragt ein fremder Mann. „Weil ich sie so einfange“, antworte ich immer noch leise. „Warum?“, wiederholt er. Ich schaue ihn irritiert an: „Weil sie auf der Straße sitzen.“ Er runzelt die Stirn: „Und dann?“ Ich kann es nicht fassen, dass jemand so schwer von Begriff ist. Genervt erkläre ich: „Um sie nach Hause zu bringen. Ich muss dann nur noch rausfinden, wem sie gehören.“ Der alte Mann zeigt ein paar Häuser weiter: „Das kann ich Ihnen sagen, wem die gehören.“ Ich freue mich: „Super, dann helfen Sie mir doch bitte eben. Ich nehm das Schlappöhrchen, Sie das andere.“ Er: „Warum?“ Ich: „Weil es dann schneller geht?!“. Er: „Warum wollen Sie sie einfangen?“. Es fällt mir schwer, weiter ruhig und gelassen zu bleiben: „Weil sie hier auf der Straße sitzen?!“ (momentan auf jeden Fall noch. Denn wenn wir nicht bald etwas unternehmen, hoppeln sie weg, womöglich in ihren Tod). Er: „Das machen sie immer.“ Ich: „Eben.“, kurz überlegt, „Äh, was?“. Er: „Sie sind immer auf der Straße. Irgendwann wird sie wohl jemand überfahren.“ Ich: „Hä?“ Er (ein wenig, als wäre ICH schwer von Begriff): „Sie gehen spazieren. Und dann gehen sie wieder nach Hause.“ Wieder zeigt er in die Richtung des Hauses und geht dann seines Weges. Ich stehe mit offenem Mund da: meine neues Zuhause ist eine Kaninchenkomune. Krasses Ding, meine zukünftigen Nachbarn sind Hippie-Hasen. Und ich mache mir nen Kopf um Mäuse, tse …