Wir haben einen Bauleiter. Das ist sehr sinnvoll. Denn mein Mann und ich sind zwar hervorragend in Nicken und Lächeln, wenn uns jemand etwas von Gas, Elektrik, Rohren und Mauerwerk erzählt – geplante Baumaßnahmen fachkundig abnehmen ist aber nicht so unsere Stärke.

Der Bauleiter und ich haben eine interessante Beziehung: Er ist kreativ und hat gute Ideen. Ich achte auf die Kosten. Wir sind ein gutes Team. Manchmal schlendern wir durchs Haus, er erzählt mir, wie es aussehen wird. Ich sage, dass er auf das Budget achten soll.

Dann gehe ich zu meinem Mann und erkläre ihm, wie ich mir meine Küche vorstelle, erzähle ihm von Designeröfen und einem tollen Sofa, das hervorragend zu unserem Holzfußboden passen würde. Und er sagt, dass wir auf die Kosten achten sollen.

Ich denke, es ist gut, seine unter-schiedlichen Seiten ausleben zu können.

Neben unserem Bauleiter ist der Statiker gerade ein wichtiger Mensch in unserem Leben. Von ihm hängt unser zukünftiges Wohngefühl ab. Dementsprechend aufgeregt war ich auch, als er zur Begutachtung des Hauses kam. Der Bauleiter fing also an, ihm zu erklären: „Diese Wand kommt raus. Diese auch. Die hier versetzen wir um 80 cm …“ Der Statiker machte große Augen. „Das Fenster hier kommt quer und versetzt. Die Decke zum Dachboden muss weg …“ Der Statiker wischte sich über die Augen. Ich glaube, am liebsten hätte er geweint. Etwas Schweiß stand auf seiner Stirn. Unser Bauleiter ließ sich nicht beirren: „Das kriegen wir doch hin?!“ Der Statiker nahm Maße, machte sich Notizen, schaute in die Zeichnungen, fragte immer wieder zweifelnd nach: „Und die wollt ihr wegnehmen?“, „Und das soll raus?“, „Bleibt irgendetwas wie es ist?“. Er sprach von Stahlträgern, Holzbalken, davon dass das Dach eh schon um so und so viel überlastet sei, klopfte hier und klopfte dort. Eine letzte Gegenfrage des Statikers: „Ehrlich?“ Ich wurde unsicher. Der Bauleiter nicht. Er nickte. Der Statiker stöhnte. Dann: „Ok. Die Wände können raus. Ihr braucht einen zweiten Träger und das wichtigste: hier muss ein Wandstummel stehen bleiben.“ Ein letzter Rat: „Schaut euch die Dachbalken an. So, wie das für mich aussieht, hängt die Hälfte des Daches an zwei Nägeln.“ Irrrgh, das ist nicht gut. Aber der Bauleiter nickte nur: „Ist gut, machen wir.“ Noch ein verzweifelter Statikerblick, dann war er weg, rief aber noch über die Schulter: „Denkt an den Wandstummel. Der muss bleiben. Sonst sackt euch das ganze Haus weg!“

Wieder zu zweit sagte der Bauleiter: „Das lief doch gut.“ Ich denke, wir beide sind sehr verschieden.

Viel weiter darüber nachdenken konnte ich aber nicht, denn es klingelte an der Tür: Es war Andrea. Sie stellte sich als Nachbarin vor und wollte die Badewanne abholen. Es gab sie also tatsächlich: Welch Enttäuschung für alle, die die Badewanne gern gehabt hätten. Am Wochenende drauf schneite es. Und während wir noch im Bett lagen, schliefen, von Wandstummeln träumten und uns nicht über die winterlichen Pflichten eines Hausbesitzers Gedanken machten, schob Andrea vor unserem zukünftigen Gehweg den Schnee. Andrea ist glücklich mit der Wanne. Und wir wirklich sehr mit Andrea als Nachbarin.

Die folgenden Tage erfolgten die Abrissarbeiten. Die Decke kam raus. Die Wände kamen raus – bis auf den Stummel natürlich. Es sah toll aus: So viel Raum und Luft. Die Jungs waren fleißig und kloppten raus, was das Zeug hielt. Wir waren sehr zufrieden, brachten Kaffee und Brötchen. Wir nickten und lächelten. Die Jungs arbeiteten weiter und schlugen hoch motiviert … den Wandstummel raus. Aus Versehen.